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Podcast - Interview Michael Andrick - Buch "Erfolgsleere - Philosophie für die Arbeitswelt"

 
Sun, 29 Mar 2020 13:31:56 +0200 last edited: Wed, 01 Apr 2020 14:51:05 +0200  
#podcast #Philosophie








Quelle, Buchvorstellung auf den Nachdenkseiten als "Die Erfolgsleere der Funktionäre – eine Rezension"

Zitate aus dem Buch...

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„Wer aufgrund überschüssiger Bildung nicht gedankenlos genug für eine fraglose Funktionärskarriere ist, stellt für jedes System zunächst eine Irritation dar. Die Funktionärs- und Würdenträger der diversen Apparate müssen dann seine Gedanken und Fragen ertragen und sich fürchten, dass er ‚unabgestimmt’ mit ihren Standardinteressen ‚etwas tun’ könnte. Doch es gibt auch für notorische Selbstdenker und Neinsager ein ‚Friedensangebot’ des Establishments, eine Art zweiten Bildungsweg ins Funktionärsdasein: Wo die Ressourcen es zulassen und die Investition betrieblich lohnenswert erscheint, wird dem Delinquenten gern ein Coach zugeteilt – also ein Gesprächspartner, mit dem man klärt, welche Art und welche Abfolge von Kompromissen mit den Konformisten die eigene Identität gerade noch zulässt. Einleitend sagt der Coach beim ersten Treffen: ‚Es geht nicht darum, Sie als Persönlichkeit zu ändern. Es geht nur darum, Ihr Verhaltensrepertoire zu erweitern.’ Der Subtext ist klar – nicht jeder ‚Meilenstein’ des Aufstiegs ist im aufrechten Gang zu erreichen“ (S. 54-55).

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„Warum geschieht in der Welt so vieles, das die einzelnen Menschen je für sich verabscheuen und bedauern?“ (S. 11).

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„Warum geschieht in der Welt so vieles, das die einzelnen Menschen je für sich verabscheuen und bedauern?“ (S. 11).

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„Wie erreicht die Industriegesellschaft unseren Konformismus – unser praktisch vorbehaltloses Tun zu allen nur möglichen Zwecken? Deprimierend wenige Menschen, die unter dem Einfluss moderner Verwaltungen standen, haben in den Massenverbrechen und Kriegen des 20. Jahrhunderts moralische Eigenständigkeit gewahrt. Schaffen wir das heute?“ (S. 69).

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     „Aber was ist ein Konformist? Sicherlich nicht schon jemand, der bis zu einem gewissen Punkt mit den vorgefundenen Verhältnissen und Menschen konform geht; das tun wir alle, und würden wir alle deshalb zu Recht ‚Konformist’ genannt, so wäre der Begriff überflüssig, denn er würde nichts mehr unterscheiden. Der Konformist muss also jemand sein, der die Konformität planvoll zum Prinzip seines Denkens und Tuns erhoben hat – gerade so, wie wir denjenigen einen Sozialisten nennen, der planvoll die soziale Frage zum Prinzip seines Denkens und Tuns macht“ (S. 47).

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„Konformisten verhalten sich geordnet nach Zwecken, die andere festgelegt haben, und hinterfragen diese Zwecke nicht – sie verinnerlichen sie. Konformismus ist zweckgerichtetes Denken und Tun, und dieses ist gerade nicht Nachdenken und Handeln einer moralischen Person und sollte davon klar unterschieden werden. Denn Zweckdenken spielt erlernte Muster und Verbindungen von Gedanken und Tätigkeiten ab, sobald ein Schlüsselreiz wahrgenommen wird (der ebenfalls Teil des erlernten Musters ist)“ (S. 47-48).

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„Dem Konformisten wird das Selbst schwach – sein Wille und damit seine Fähigkeit, die eigene Erfahrung durch Nachdenken zu verarbeiten, wird schwach; seine Moralität, der Vorbehalt des Nachdenkens gegen das Tun, wird nicht kultiviert, und so festigt sich mit jedem Jahr des bloßen Mitmachens das eigene Schicksal, vor allem als Funktionär zu existieren. Das eigenwillige Leben wird durch die Gewohnheit verdrängt, dem Druck oft nur vermuteter fremder Erwartungen nachzugeben, um zu gewinnen, was die etablierte Ordnung zu bieten hat. Wir alle, sofern wir konformistisch sind, treiben einen besonderen Sport: das Erraten fremder Erwartungen“ (S. 53).

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„Konformistisch sein ist somit eine komplizierte, kraftraubende Sache und keineswegs der berühmte ‚Weg des geringsten Widerstands’. Man versucht dabei, auf möglichst glaubhafte Weise ein für andere simuliertes Innenleben nach außen zu kehren. Genau dies ist das in jeder Gesellschaft für uns vorgesehene Programm: Abschaffung des eigenen Nachdenkens zugunsten eines vorauseilenden über fremde Erwartungen spekulierenden Gehorsams. Dies ist der Weg zur Verkümmerung unseres Selbst, zur Abschaffung unserer eigenen, wertenden Perspektive auf die Welt“ (S. 53).

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„Die Institutionen, die Massenverbrechen organisierbar machen, sind deshalb effektiv, weil sie die Mentalität des modernen Konformisten ihrem Kalkül zugrunde legen können. Hitler z. B. war nach der ‚Machtergreifung’ nicht darauf angewiesen, einem Volk von intakten moralischen Personen manipulativ den benötigten Konformismus aufzuzwingen. Die Deutschen waren, wie andere moderne Menschen und wie wir heute, bereits kulturell zum Konformisten ausgebildet (…). Die industriell organisierten Massenverbrechen ebenso wie die planvolle Vernichtung des Ökosystems unseres Planeten sind als Möglichkeit seit Anbruch der europäischen Neuzeit im Netz der Geschichte angelegt; ihr Auftreten bedeutet nicht, dass die Menschheitsgeschichte mit diesen Verbrechen in eine neue Epoche eintritt, sondern dass sie kulturell über lange Zeit eine Möglichkeit aufgebaut hat, die nun abgerufen (oder ‚aktualisiert’) wird“ (S. 70).

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„Die Liebe, die Loyalität und das Streben der Menschen sind im Mittelalter auf Personen gerichtet, die sich als Teil derselben göttlichen Ordnung begreifen konnten“ (S. 64).

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„Die entstehenden Zentralstaaten ziehen die Machtverhältnisse aus dem Persönlichen, aus dem direkten Verhältnis zwischen einander bekannten Menschen in den unpersönlichen Bereich der Struktur, des Verwaltungsapparats. Damit entsteht ein neues Spielfeld; es wird lebenspraktisch notwendig für den Einzelnen, sich an den vermuteten Anforderungen der anonym gewordenen anderen und der Verwaltungsapparate zu orientieren, die jetzt über ihn herrschen“ (S. 67).

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„Im Mittelalter war der Grund der Ehre oder Schande einer Person ihre Erfüllung oder Missachtung ihrer gottgewollten Funktion in der Gemeinschaft. Heute liegt mein Ansehensgewinn oder -verlust an der Erfüllung oder Missachtung der von anderen Menschen für mich gewollten Funktion in der Gesellschaft. Unsere Existenz ist jetzt nicht mehr konkret-gemeinschaftlich, sondern abstrakt gesellschaftlich bestimmt“ (S.67).

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„Die Industriegesellschaft benötigt und kultiviert den psychologischen Treibstoff des Erfolgs als Ausgleichsmoment für Sinnarmut und Monotonie. Erfolg dient im System als Rauschmittel und Manipulationsinstrument. (…) So werden wir zugleich auf den Weiterbetrieb, auf die Fortschreibung der Sinnbeschränkung unserer Tätigkeiten eingeschworen“ (S. 107).

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„Von einem ‚Erfolg’ reden heißt, ein bestimmtes Ergebnis für bedeutsam und erstrebenswert zu erklären; es heißt nicht, eine Tatsache zu benennen. Erfolg wird veranstaltet, und das ist keine harmlose Veranstaltung, sondern die Errichtung eines zweifelhaften Götzen, einer regelrechten Zwingburg, in der unser Denken und Fühlen festgesetzt werden kann“ (S. 107).

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„Jemand mag als ein erfolgreicher Geschäftsmann gesehen werden, wenn er sein Kapital binnen eines Jahres verdoppelt. Ist diese Verdoppelung bedeutsam und wertvoll? Vielleicht hatte er vor diesem Jahr schon 50 Millionen und nun hat er 100, aber seine Familie ist während dieses Jahres an seiner ständigen Abwesenheit und seiner Erschöpfungsdepression zerbrochen. War das ein erfolgreiches Jahr?“ (S. 108).

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„Zunächst ist Erfolg nichts für gewöhnliche Leute mit gewöhnlichen Fähigkeiten. Vielmehr denken wir an talentierte, kraftvolle, fanatisch fleißige Menschen, wenn wir von Erfolg sprechen; jedenfalls aber an Leute, die auf irgendeine Weise zur Auszeichnung vor den Anderen befähigt sind. (…) Erfolg ist das Besondere und muss daher die Ausnahme sein“ (S. 108).

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„Eine Kultur, die sich auf dieses Besondere, auf den Ausnahmefall Erfolg konzentriert und ihn zum Gegenstand der Verehrung und deshalb des Ehrgeizes macht, sendet damit ständig eine bedrückende Botschaft aus: Alles Gewöhnliche, Alltägliche, Langweilige an uns muss wohl unserem Mangel an Erfolg, unserem Versagen zuzuschreiben sein. Das ist eine psychologisch qualvolle Vorstellung, die Minderwertigkeitsgefühle begünstigt und so den Kampf anheizt, dem ‚Verliererdasein’ der Gewöhnlichkeit durch Erfolg zu entkommen. Die Marketingleute wissen genau, was sie tun, wenn sie ihren Werbekosmos mit Aufforderungen an den Konsumenten füllen, doch bitte seine ‚Einzigartigkeit’ zu erkennen, zu ‚aktivieren’, zu ‚leben’, und was der einfältigen Phrasen mehr sind“ (S. 108).

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„Die Tragik des eifrigen Funktionärs ist, dass er versucht, sich selbst durch (Über)erfüllung fremder Erwartungen und Zweckvorgaben zu jemand Bestimmten zu machen; in Wahrheit wird er dabei jedoch mehr und mehr zu einem Niemand: zu einem ‚Mann Ohne Eigenschaften’ (Robert Musil), dafür aber mit ausgefeiltem Gehorsamsinstinkt“ (S. 186).

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„Dem Christen geht es darum, mildtätig seine Nächsten zu lieben. Dem ehrgeizigen Christen geht es darum, dass alle bemerken mögen, wie sehr und wie mildtätig er seine Nächsten liebt. Deshalb stellt er es nach außen in der Kirchengemeinde mit viel Aufwand in einer Weise dar, die er für beifallsträchtig hält; im Betrieb wird er dann nach demselben Muster sicherstellen wollen, dass sein Chef bemerkt, wie sehr er gerade ihn liebt. Der Inhalt wird der äußeren Form untertan gemacht und je nach Stärke einzelner Motive hintangestellt“ (S. 191).

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„Wo sich rationales Arbeiten und ehrgeiziges Erfolgsstreben wie das richtige, das moralisch vertretbare oder gar lobenswerte Leben anfühlen und kein Mangel darin verspürt wird, da herrscht pseudomoralischer Wahnsinn. Wir halten eine eifrig betriebene Laufbahn für unser Leben und sind tatsächlich moralisch tot. Dieser Wahnsinn ist Ehrgeiz“ (S. 194).

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„Daran hängt auch eine gesellschaftliche, eine politische Konsequenz. Ehrgeizige Personen sind innerlich dem Prestige und der Tatmacht der Gesellschaft und ihrer Repräsentanten zugewandt. Sie phantasieren sich in hohe Ämter und gieren nach Ruhm und Anerkennung. Sie sind deshalb von ihren eigenen Wertvorstellungen abgewandt (wenn sie überhaupt welche entwickelt haben). Deshalb unterliegt die ehrgeizige Person einer einzigartigen Ohnmacht; sie ist nicht nur moralisch unfähig, sich selbst zu verändern, sie ist auch politisch impotent. Denn der Ehrgeizige kann das Funktionieren der aktuellen Gesellschaft nicht durch eigenes Handeln außerhalb der etablierten Sinnvorschriften gefährden, er kann seine Gesellschaft nicht verändern. Dies ist das erstaunliche Paradox des Ehrgeizes: Die ehrgeizige Person verliert ihre Macht über sich selbst und über die tatsächlichen Verhältnisse nur dadurch, dass sie sich ihnen zuwendet und sich dabei von sich selbst abwendet“ (S. 194-195).

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„Daran hängt auch eine gesellschaftliche, eine politische Konsequenz. Ehrgeizige Personen sind innerlich dem Prestige und der Tatmacht der Gesellschaft und ihrer Repräsentanten zugewandt. Sie phantasieren sich in hohe Ämter und gieren nach Ruhm und Anerkennung. Sie sind deshalb von ihren eigenen Wertvorstellungen abgewandt (wenn sie überhaupt welche entwickelt haben). Deshalb unterliegt die ehrgeizige Person einer einzigartigen Ohnmacht; sie ist nicht nur moralisch unfähig, sich selbst zu verändern, sie ist auch politisch impotent. Denn der Ehrgeizige kann das Funktionieren der aktuellen Gesellschaft nicht durch eigenes Handeln außerhalb der etablierten Sinnvorschriften gefährden, er kann seine Gesellschaft nicht verändern. Dies ist das erstaunliche Paradox des Ehrgeizes: Die ehrgeizige Person verliert ihre Macht über sich selbst und über die tatsächlichen Verhältnisse nur dadurch, dass sie sich ihnen zuwendet und sich dabei von sich selbst abwendet“ (S. 194-195).

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„So starteten z. B. die Grünen mit Friedenspolitik und der Forderung nach Austritt aus der NATO; dann übernahm der Ehrgeiz der Funktionäre die Partei und die ehemaligen Sitzblockierer von Militärstützpunkten wurden so zu Verfechtern des illegalen Jugoslawienkriegs“ (S.195).